Einleitung

Der Mensch hat sich an die Uhr gewöhnt. So sehr, dass er die Uhr als synonym der Zeit versteht. Zeit ist etwas, das tickt. Es tickt in Sekunden, Stunden, Tagen, Monaten und Jahren und tickt unablässig fort und fort. Die Uhr ist allgegenwärtig. In den Bahnhöfen, in den Büros, zu Hause im Wohnbereich. Aber ist durch sie auch die Zeit greifbar? Können wir durch sie die Zeit auch wahrnehmen? Wir können das Voranrücken des Zeigers feststellen, sehen seine stockende, aber doch fortlaufende Kreisbewegung. Wir sehen Veränderungen in unserer Umwelt, das Blätterrascheln in den Bäumen, die vorüberziehenden Wolken, Menschen, die Straßen überqueren, Dampf, der sich auflöst und verschwindet. Wir sehen ein Ereignis, auf dem ein anderes Ereignis folgt. Doch die Zeit sehen wir nicht. Die Uhr ist höchstens ein Messinstrument. Sie misst den Abstand zwischen zwei Ereignissen. Die Zeitstrecke zwischen Büro und dem Stadtpark, zwischen Haltestelle zu Haltestelle. Wenn es die Uhr nicht ist – was also ist Zeit?

Die Uhr ist reinste Mechanik, dessen Zeiger sich im gleichen Rhythmus bewegen. Die Uhr zählt und addiert und tickt und rattert, wie ihr das innere Räderwerk zuflüstert. Wenn wir uns die Geschichte der Zeit und der Uhr vergegenwärtigen, erkennen wir, dass die Uhr nur eine menschliche Erfindung ist. Ein Instrument, ein Hilfsmittel, ein Stützrad. Zeit ist weitaus mehr als Mathematik und Mechanik und lebendiger als eine trockene Physik-Formel und eine Schrauben- und Drehscheibenansammlung. Wir erfahren nichts über das Wesen der Zeit, wenn wir auf das nackte Ziffernblatt blicken. Zeit ist nicht abstrakt oder allgemein. Zeit ist erlebt, konkret, durch Inhalte gefüllt und von unseren einzigartigen Empfinden geprägt. Sie ist unbeständig, flüchtig und präsent zugleich. Sie wird verzögert und verlängert in der Langen-Weile und beschleunigt und verdichtet in der Hingabe. Sie hat ein Früher, das auf ein Später verweist und ein Später das auf ein Früher hinweist. Sie ist ein "noch", "nicht mehr" und "noch nicht". Sie ist nichts und doch manchmal ein bisschen Wind. Alles andere und so viel mehr als eine Uhr anzuzeigen vermag.

So ist es doch hoch erstaunlich: Auf der einen Seite haben wir den vorgegebenen, allgemeinen Zeitaufbau der Welt, die gleichtickende Weltzeit, das erfundene Uhrwerk der modernen Gesellschaft. Erbarmungslos gibt sie einen ganz bestimmten Takt vor, an der sich die Industrie, Politik und das Gemeinwesen ausrichtet. Auf der anderen Seite haben wir die im Geist verortete Zeit, die eng mit unseren Vorstellungen, Erinnerungen und Erwartungen zusammengeflochten ist: unsere Eigenzeit, unser innerstes Gespür von Zeit und Zeitempfinden. Auch hier erfahren wir ein ganz bestimmtes Taktspiel. Doch es ist unbeständig, nicht verfügbar und folgt einem eigenen intimen Rhythmus. Dieser hat nichts mit der gleichschwingenden Uhrzeit zu tun. Und doch… müssen die Weltzeit und die Eigenzeit irgendwie miteinander klarkommen.

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Zeit ist mehr als Mathematik und Mechanik.

Sie ist erlebt, konkret und geprägt von unseren Empfindungen und Erfahrungen.

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Seit über zweitausend Jahren machen sich die Menschen Gedanken über die Zeit. Heutzutage beschäftigen sich nicht nur die Philosophie, sondern auch die Physik, die Psychologie, die Ökonomie und weitere wissenschaftliche Disziplinen mit dem Thema. Eine einheitliche Definition bleibt bislang aus. Im Gegenteil, je mehr die Zeit als Gegenstand in den verschiedenen Disziplinen in den Fokus rückt, desto mehr tritt ihre Ungestalt durch ihre Vielgestalt zu Tage. Niemand weiß, was Zeit wirklich ist. Daher ist die berühmte und ernüchternde Passage aus den Bekenntnissen des Augustinus bis heute aktuell:

Was also ist Zeit? Wenn niemand mich fragt, was die Zeit sei, so weiß ich´s; soll ich´s einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.

Dennoch ist die Wahrnehmung von Zeit für den Menschen und der Gesellschaft essentiell. Sie bestimmt unser Handeln, sie hat einen Einfluss auf unser Denken und unseren Empfindungen. Die zeitliche Wahrnehmung positioniert nicht nur uns in der Welt. Sie beeinflusst auch, wie wir Gesellschaft wahrnehmen, wie wir uns sozial verhalten, wie wir mit unserer unmittelbaren Umwelt umgehen. Sie ist Bestandteil unserer Lebensführung, unseren Wünschen und Erwartungen. Sie ist – für alle Raumwinkel unseres Daseins – konstitutiv. Das heißt vor allem, sie ist politisch, religiös, ideologisch. Dadurch wird sie abhängig von der Perspektive. Sie wird zu einem Konstrukt verschiedener Wahrnehmungen und Deutungen und verwandelt sich zu einem Spielball. Zeit ist ein Spielball der Macht. Sie ist zugleich ein Instrument, das Menschen in Bewegung zu setzt.

Wer die Zeit definiert, hat die Hebel in der Hand, das menschliche Dasein zu definieren. Diese Definition prägt uns, sie mantelt uns ein. Sie ist wie ein Kokon, der unser Dasein umspannt, der unsere Lebensmetamorphose in eine bestimmte Richtung lenkt. Die elterliche, religiöse und schulische Erziehung, die Ausbildung oder das Studium, die Arbeitswelt, sie alle bilden Sphären, die uns ein bestimmtes Gefühl von und über die Zeit vermitteln. Zeit ist dort kein Gegenstand, sie ist vielmehr ein essentielles Orientierungsmittel. Sie ist eine Kategorie, die unsere mentale Infrastruktur ordnet. Zeit bestimmt unser Bewusstsein und uns Selbst. Unser Selbstbewusstsein ist eng mit Zeitbewusstsein verbunden. Selbstbewusstsein ist Zeitbewusstsein.

In einer beschleunigten Wachstumsgesellschaft, in der sich der ständige Optimierungs- und Fortschrittsgedanke nicht nur im Wirtschaftsbereich, sondern bis hinunter in die einzelnen Individuen festgewurzelt hat, in der sich Innovationen überbieten, um Organisationstakte und die kleinsten Zeiteinheiten zu erfassen und Apps dafür sorgen, den Menschen in ein durchgemessenes und durchgetaktetes Objekt zu konvertieren, in der die Menschen rennen um auf der Stelle zu bleiben, der Außerordentlichkeitsbedarf der jüngsten Generation weiter steigt, um der unerträglich gewordenen Langeweile des Alltäglichen zu entgehen – in dieser zeitversessenen Gesellschaft führt eine Rückgewinnung an individueller und gesellschaftlicher Zeitsouveränität zu mehr Ruhe und Gelassenheit. Doch dafür muss bewusst sein, in welchen Zeitkontext wir uns überhaupt bewegen.

"Wer die Zeit definiert,

definiert das menschliche Dasein."

Theorien und Ideologien verkürzen die Komplexität der Welt auf wenige Begriffe und einer bestimmten Perspektive. Sie sind dadurch alle behaftet mit einem Defizit – ihnen fehlt der Teil, der in der Theorie keinen Platz hatte. Und so ist auch unser Zeitverständnis mit dem wir aufgewachsen sind und der uns bis heute prägt nur ein kleiner Auszug einer Möglichkeitswelt.

Das Album „Kokon der Zeit“ geht musikalisch der Frage unseres Zeitkontextes nach. Welches Zeitverständnis habe ich? Was macht dieses Zeitverständnis mit mir? Wo sind seine Grenzen? Was wird vernachlässigt? Und wo beginnt die eigentliche Zeitsouveränität? Zeitbewusstsein ist Selbstbewusstsein – wer die moderne Zeit begreift, entdeckt verborgene Entfaltungs- und Gestaltungsräume, entdeckt Spielräume und entdeckt, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Wir sind Raupen in einem Zeitkokon, aus dem wir als Schmetterlinge entsteigen können.

ZEITBEWUSSTSEIN

IST

SELBSTBEWUSSTSEIN