Gesellschaftszeit

Der Satz „Ich habe zu wenig Zeit“ gehört zu den gängigsten Alltagsgedanken vieler Menschen. Der Satz drückt dabei zugleich ein ins Wanken geratenes Grundgefühl von Existenz aus. Wer diesen Satz im Kopf hat, spürt einen Mangel, der sich im Alltag bemerkbar macht. Viele Menschen gehen abends mit Schuldgefühlen ins Bett. Irgendetwas ist an jenem Tag auf der Strecke geblieben. Sei es, dass eine Aufgabe auf der Arbeit noch unerledigt ist, wir keinen Sport gemacht oder uns schlecht ernährt haben, keine Zeit für Freunde oder die Familie hatten, oder den Roman nicht weiterlesen konnten oder wir wieder nicht dazu gekommen sind, unsere Kreativität anzuzapfen. Für alles hatten wir zu wenig Zeit. Das Gefühl, unsere Zeit an verschiedenen Phasen des Tages verschwendet oder nicht ausreichend genutzt zu haben, klebt an uns fest. Erschöpft, aber unzufrieden legen sich viele Menschen ins Bett und das beiläufige Ticken wird zum einem erbarmungslosen Dröhnen, dass das schuldbekennende Gemüt vor dem Einschlafen kräftig bewegt. Ermöglicht uns die Uhr auf der einen Seite, die Zeit einzuteilen, sie zu verplanen und das Fließen zu kontrollieren, so hat die Uhr dazu geführt, dem Menschen ein Gedankenkorsett aufzuzwängen: „Nutze deine Zeit!“ schreit es uns entgegen und zugleich schnürt sich das Korsett in einer beschleunigten Gesellschaft immer weiter zu. Die Zeit wird zu einem Netz, in dem, wie es der Zeitforscher Karlheinz Geißler beschrieb, wir zugleich Spinne und Fliege sind. Indem wir das Gefühl haben, die Zeit zu kontrollieren, kontrolliert sie uns.

Gehörte es am Anfang des letzten Jahrhunderts zu den Lieblingsfreizeitbeschäftigungen am Sonntag seelenruhig aus dem Fenster zu blicken, ist heutzutage eine flächendeckende Rastlosigkeit zu bemerken, die sich bis in die letzten Leerräume des Lebens zu erstrecken scheint. Es wird von der beschleunigten Gesellschaft gesprochen. Deren Mitgliedern zerrinnt die Zeit in den Fingern. Sie fühlen sich gehetzt und getrieben, sie müssen rennen, um auf der Stelle zu bleiben. Doch nicht nur im eigenen Leben reihen sich die täglichen Aufgaben und Pflichten pausenlos aneinander. Auch das Weltgeschehen wirkt verdichteter: täglich prasseln über die verschiedenen Informationskanäle hunderte von Ereignissen über den Kopf hinweg, angereichert mit Meinungen, Kommentaren und Positionen.

Die schützende Raumentfernung ist aufgeplatzt. Diese Sphäre der Eigenzeit bewahrte den Menschen in den letzten Jahrhunderten vor zu viel Außen. Früher war der Mensch an jedem Ort in seiner jeweiligen Eigenzeit eingeschlossen. Er befand sich auf einer Insel der Gegenwart, deren Wahrnehmungshorizont auch den Handlungshorizont einschloss. Wo er zu Hause war, war seine Welt. Wo sein Blick die hinterste Horizontkante erreichte, dort war seine Welt zu Ende. Das Lebenszentrum und seine äußeren Ränder waren überschaubar. Wohin auch die Sinne reichten – der Sinnkreis deckte sich mit dem Handlungskreis. Handeln ist die Fähigkeit auf seine Umwelt einzuwirken. Durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien hat sich der Sinnkreis allerdings weltumspannend erweitert. Die modernen Telekommunikationsmedien als audiovisuelle Sinnesprothesen haben die Reichweite der Wahrnehmung verlängert. Die Welt ist zu einem großen Dorf mit unbegrenztem Horizont geworden. Doch dieses Weltdorf überschreitet deutlich unseren Handlungskreis. Die meisten Ereignisse müssen wir vermittelt und unbeteiligt konsumieren. Die brennende Lagerhalle in Bangladesh erreiche ich nicht mit meinem deutschen Gartenschlauch. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn als Nebeneffekt der erhöhten Ereignis- und Informationsdichte das individuelle Gefühl der Ohnmacht zunimmt.

Je größer die zu verarbeitende Ereignis- und Informationsdichte ist, desto mehr nimmt das Gefühl der eigenen Ohnmacht zu.

Diese ständig schwingende und wahrgenommene Welt versetzt auch den Menschen in ein dauerhaftes Schwingen. Obwohl, mechanisch betrachtet, die Zeitgeschwindigkeit nicht schneller geworden ist und die Zeiteinheiten nicht verkürzt worden sind – der Tag hat 24 Stunden, die Woche sieben Tage usw. - so hat doch die Ereignisdichte in der Wahrnehmung zugenommen. Das hat nicht nur das Ohnmachtsgefühl vieler Menschen freigesetzt. Die Vielfalt der Welt scheint zugleich den Erlebnishunger vieler Menschen anzuzapfen. Die Menschen werden von einer Welt an Möglichkeiten förmlich überschwemmt. „You only live once“ oder „Carpe Diem“ sind Parolen, die vor allem die jüngere Generation unter Zugzwang setzen. Jeder Tag muss in dieser Vorstellung so performt und ausgekostet werden als wäre es der letzte.

Durch diesen permanenten Gestaltungsdruck wird, um mit den Worten von dem Soziologen Georg Simmel zu sprechen, mehr Bewusstsein verbraucht. Die Seele, als unterste Schicht um uns die erfahrbare Welt anzuverwandeln, kommt nicht mehr mit. Sie folgt einem langsameren Zeittakt als diese schnellwechselnde Außenwelt. Gleichzeitig wird das Bewusstsein, als obere und deshalb beweglicherer Schicht, unaufhörlich von der Ereignismenge in Bewegung gehalten. Die unbewussteren Schichten der Seele werden zwar dadurch auch in Unruhe versetzt. Sie finden aber nicht mehr zu ihrem eigentlichen Lebenselement – dem ruhigen Gleichmaß ununterbrochener Gewöhnungen, wie es Rüdiger Safranski beschrieb.

Kyrgyzstan - Around Issyk Kul

Besonders aufgrund der zunehmenden medialen Erfahrung der Welt durch den Computer oder die Smartphones bleiben die Erlebnisse nur episodisch. Sie werden zumeist nicht weiterverarbeitet und dadurch nicht integriert in die persönliche Erfahrung. Viele dieser Erlebnisse fühlen sich dann flach an, besitzen keine Nachhaltigkeit und verschwinden wie im Spuk. Das ist der Preis, der die Moderne scheinbar bereit ist für den erweiterten Sinnkreis und für die erweiterten Möglichkeiten zu bezahlen: eine rastlose Unruhe, Ohnmacht, das Gefühl ständig loslassen zu müssen und zugleich von den Ereignissen der Gegenwart vernebelt zu sein.

Doch kommt das Phänomen, die Vielfalt der Welt wahrzunehmen zu wollen und sich berauschen zu lassen, allein durch das Näherrücken der Welt zustande, wie es die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichen? Oder kommt der fast zwanghafte Wunsch das Optimum aus dem Leben herauszuholen aus einer anderen Quelle? Und woher kommt das Schuldgefühl, das sich oft am Tagesende in der Dämmerung einschleicht, dass der Tag doch hätte besser genutzt werden können?

Verinnerlichte Zeit

Die westliche Gesellschaft wird häufig als eine Leistungs- und Wachstumsgesellschaft bezeichnet, in der Werte wie Effizienz, Effektivität, Fleiß, Disziplin, Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit usw. eine herausgehobene Bedeutung haben. Alles tatsächlich Werte, die einen unmittelbaren Einfluss auf das Zeitverständnis haben. Insbesondere in der Wirtschaft und Politik gehört der Appell zur Leistung und zum Wachstum zum festen Glaubenscredo. Ohne Leistung und Wachstum kann aus dieser Perspektive der gesellschaftliche Wohlstand nicht gewährleistet werden.

Dieser genannte Wertekanon schwebt dabei nicht einfach luftleer im Raum. Er findet seinen Niederschlag in den einzelnen Mitgliedern, die diese Gesellschaft bilden. In einer Wachstumsgesellschaft kann zum Beispiel das Streben nach „Mehr“ das führende Antriebs-Motiv sein. Das bringt besonders die Formel „Zeit ist Geld“ zum Ausdruck. Zeit ist etwas, das genutzt werden muss, um etwas anzuhäufen. Zeit hat einen Nutzwert, es ist ein Gut, eine Ware, die besonders gepflegt, arrangiert und verwertet werden muss, pausenlos, und am besten jeden Tag ein bisschen effizienter. Diese Grundorientierung des Menschen nach Leistung und Wachstum wird ihm durch seine Sozialisation mitgegeben. Dazu gehören besorgte Eltern, sowie Institutionen wie Schulen, Ausbildungsstätte, Universitäten und die Unternehmen und Wirtschaftsverbände. Wie wir uns in der Welt bewegen und welche Haltung wir in ihr haben sollen, aber auch was Erstrebenswert und Anerkennungswürdig ist, wird uns über die gesellschaftliche Erziehung mitgegeben. Uns werden dadurch bestimmte Denk-, Fühl- und Handlungswege oder –Straßen mitgegeben auf den wir gehen bzw. fahren sollen. Es ist eine bestimmte Kultur und Weltanschauung, man könnte es auch als zweite Haut bezeichnen, die dem Menschen in seinem Werden übergezogen wird.

Wird der Mensch also von klein auf in diese Wachstums- und Leistungsansprüche der Gesellschaft hinein erzogen, bilden sich diese Ansprüche auch unterschwellig auf seiner eigenen Bewusstseinsebene ab. Es entstehen, so beschreibt es Harald Welzer, mentale Infrastrukturen, die sich in den Köpfen einbrennen. Wie beim Neuschnee der erste Wanderer den Pfad vorgibt, in dem die Nachzügler hinterher stapfen auch wenn der Weg nicht der vorteilhafteste ist, so kann auch eine Gesellschaft bestimmte Pfade und Denkweisen vorgeben, an die sich die Menschen ausrichten, auch wenn diese für sein Wesen vielleicht sogar schädlich wirken. Die Begriffe wie Entwicklung, Wachstum und Fortschritt beruhen auf neuzeitlichen Lebenskonzepten, die durch die Zeit der Aufklärung und der Industriealisierung historisch gewachsen sind. Das Individuum wird zum unendlichen, unabschließbaren Projekt und die gesellschaftlichen Zwänge zur permanenten Fortentwicklung und Selbstoptimierung haben sich dabei über die Jahrzehnte hinweg zum Selbstzwang entwickelt. Wachstum ist aus seinem ökonomischen Logik-Kreis herausgetreten und zum gesellschaftsumspannenden Kulturgut geworden. Fortschritt und Wachstum gehören zum modernen Glaubensbekenntnis und zum modernen Mythos. Und auch das betont Welzer: Bevor wir etwas gegen diese Geschichte einwenden können, hat sie uns immer schon erzählt. Die Menschen können nicht frei über sie verfügen, weil sie aufgrund ihrer Erfahrung und ihrem Austausch mit anderen Menschen in sie hineingewachsen sind.

Die Erfindung der Uhr hat zusätzlich dazu beigetragen, die Entwicklung einer gesellschaftlichen Zeitsensibilität und Zeitdisziplin zu fördern. Die Uhrzeit und der dadurch mögliche disziplinierte Umgang mit der Zeit spielt daher einer Wachstums- und Leistungsgesellschaft in die Hände. Die Uhrzeit als Richtschnur und Planungsinstrument zu nehmen ist eine kulturelle Leistung, die sich erst in den letzten Jahrzehnten über Generationen hinweg verselbständig hat. Das erstaunliche Phänomen daran ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Uhr als Taktgeber anerkannt wird. Wir empfinden die Uhrzeit nicht als Fremdzwang, unter dem wir uns unterordnen müssen. Vielmehr begegnen wir der Uhrzeit heutzutage mit einem Selbstzwang, durch den wir uns der Uhrzeit unterordnen wollen. Die öffentliche Uhrzeit als allgegenwärtiges Mahnmal ist damit zu einem unentkommbaren Zeitgewissen mutiert.

Zeiterwartung

Unsere moderne, westliche Welt ist durchdrungen vom Fortschritts- und Wachstumsgedanken. Ironisch hat es der Philosoph Odo Marquard schon formuliert: „Alles wird immer besser immer schneller und eines Tages vielleicht auch wirklich gut.“ Das Frühere wird überboten durch das Spätere. Und das Spätere soll angeblich immer besser sein als das Vorherige. Wachstum und Fortschritt und die dahinterliegende Vorstellung eines zukunftsgerichteten und unumkehrbaren Zeitverlaufs haben wir über die Erziehung verinnerlicht. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch wir sollen „wachsen“, unaufhörlich. Wie schrieb es Hermann Hesse noch verheißungsvoll in seinem Stufengedicht: „Der Weltgeist will nicht fesseln uns, nicht engen, er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.“ Jede Stufe ist nur ein Abschnitt, der zur nächsten Stufe führt. Das Leben wird dadurch zu einem akkumulativen Prozess, der nicht stillstehen darf. Wer sich der nächsten Stufe verweigert, dem droht die Gefahr des Hinterbliebenen. Lebenslanges Lernen wird zur Notwendigkeit.

Allerdings – und dieses Phänomen deckt sich mit dem schuldbewussten Subjekt in den Kapiteln davor – verneinen wir durch einen so gedachten Stufenprozess unsere Gegenwart. Das Ich, das heute auf dieser Stufe steht, ist unvollständig. Warum? Weil nach dieser Logik das Ich, das ich morgen bin, also das Ich, dass morgen auf der nächsten Stufe stehen wird, besser, vollkommener, reifer, klüger, erfolgreicher ist als das Ich von heute. Das Ich von morgen befindet sich auf einer höheren Stufe als das Ich von heute. Dadurch empfindet sich aber das Ich von heute als ein Mangelwesen – da es weiß, dass es morgen besser ist, höhergestellter ist. Zugegeben, diese verzwickte und mit Sicherheit zugespitze Logik ist unscharf. Sie verdeutlicht aber dafür eine gewisse Schieflage im Sättigungsgefühl aus: Warum kann ich heute nicht mit mir zufrieden sein? Warum kann ich nicht zufrieden sein, mit dem, was ich bis hier und jetzt erreicht habe? Diese Logik vollzieht eine dauerhafte, latente Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand. Das Jetzt ist nicht genug. Das Jetzt reicht nicht aus. Ich werde nicht satt. Immer mehr muss her. Immer mehr muss sein. Das ist die Zwickmühle: Es ist uns nicht möglich, das Unvollendete als genug und ausreichend zu akzeptieren.

Das ist die Zwickmühle der gesellschaftlichen Wachstumslogik: Es ist für das Individuum unmöglich, seine Gegenwart als vollendet, genug und ausreichend zu akzeptieren.

Wir messen und prüfen uns regelmäßig, um uns zu optimieren. Um mehr rauszuholen, um das, was noch nicht ist, zur Möglichkeit zu verhelfen. Potential zu fördern. Doch sobald das Fördern in ein Zwingen wird, weil wir Angst vor dem Abgehängtsein haben, bekommt das Leben einen zähen, eisernen Bleifuß. Bleiern und hemmend wirkt dann auch eine unpassende Erwartungshaltung. Die persönlichen Ansprüche und Erwartungen an das Leben sind in den letzten Jahrzehnten mit den Erwartungen an uns selbst mitgewachsen. Auch das hat Marquard schön beschrieben: die Menschen leiden zunehmend an einem Erwartungserfüllungsdefizit. Ein erfülltes Leben entsteht, wenn sich die Erwartungen an das Leben mit unseren Erfüllungen decken (ich möchte eine Eigentumswohnung bis zum 38. Lebensjahr erwerben und habe mit 35 Jahren eine gekauft). Ein Defizit entsteht entweder, wenn zu wenige Erfüllungen da sind (mit 38 Jahren zahle ich immer noch Miete) oder wenn die Erwartungen so hoch sind, dass die Erfüllungsmomente an sie nicht heranreichen (Neben der Eigentumswohnung möchte bis zum 38. Lebensjahr eine Familie mit zwei Kindern gegründet haben, ein erfolgreiches Start-up als Geschäftsführer leiten, eine Weltreise gemacht und den ersten Roman geschrieben haben). Nach Marquard leiden die Menschen vor allem an dem zweiten Problem, an diese Übererwartung ans Leben. An dem Life overkill. Der ständige Wunsch aus dem Leben das Maximum herauszuholen.

Zu viele Erwartungen an die Zukunft können dafür sorgen, dass das Möglichkeitsfenster, das durch eine beschränkte Lebenszeit zur Verfügung steht, durch eine Art Verwirklichungsgier verstopft wird.

Zu viele Erwartungen an die Zukunft können dafür sorgen, dass die Orientierung verlorengeht und das Möglichkeitsfenster, das durch eine beschränkte Lebenszeit zur Verfügung steht, durch eine Art Verwirklichungsgier verstopft wird. Die Gefahr ist das einschleichende Gefühl ausgebrannt zu sein und mit 30 oder 40 Jahren mit Burnout und Depressionen im Krankenhaus zu liegen, weil der Körper und die Psyche völlig ausgelaugt sind. Das ist der Moment, in dem mit dem Orientierungslos dieses Lebenslotto nicht mehr gewonnen werden kann. Zeit selbst kann nicht knapp werden, sie wird nur knapp im Verhältnis zu bestimmten Vorhaben und Plänen. Je mehr Erwartungen wir also an uns und die Lebenszeit haben, desto knapper wird die Zeitressource, um diese Erwartungen auch alle zu erfüllen. Knappheit von Zeit und das dazugehörige Mantra „Ich habe leider keine Zeit“ ist ein Problem, dass wenig mit unserer Lebenszeit als solche, sondern mit der Bewirtschaftung von Zeit auftritt. Die Zeit selbst kennt die Eigenschaft der Knappheit nicht. Knapp wird die Zeit nur aufgrund erhöhter Erwartungen an ihr.