Technische Zeit und Eigenzeit

„Die Götter verwünschten den Mann, der als erster entdeckt hat, wie man Stunden unterteilt – verwünscht ihn auch, ihn, der an dieser Stelle eine Sonnenuhr aufgestellt hat, um meine Tage schließlich zu zuschneiden und in kleine Stücke zu zerhacken! Als ich ein Junge war, war mein Magen eine Sonnenuhr…“

Plautus

Die Erfolgsgeschichte der Uhr währt schon einige hundert Jahre. Doch erst als die präzise Zeitmessung erfolgte, begann die technische Zeit sich von der biologischen zu lösen und zu entfernen. Seither drängt sie unser ursprüngliches Zeitgefühl immer weiter zurück. Was bedeutet das? Das technische Zeitempfinden ist zumindest in unserem Kulturkreis zur dominanten Wahrnehmung von Zeit geworden. Die eigenen Zeitsignale des Körpers verstummen mehr und mehr gegenüber der künstlichen Taktung der Moderne. Die allgegenwärtige Uhr und ihre Imperative bestimmen und kategorisieren unseren Tagesablauf.

Die Uhr verortet die Ereignisse auf einer Zahlenskala. Dadurch markiert sie das Wann, den Zeitpunkt eines Ereignisses. Der Blick auf die Abfahrtstafel am Bahnhof zum Beispiel zeigt an, wann welcher Zug eintrifft und wieder abfährt. Weiter misst die Uhr wie lange die nacheinander gereihten Abläufe brauchen. Nachdem ich zwanzig Minuten zu Mittag aß, gehe ich für zehn Minuten spazieren, um dann noch weitere vier Stunden im Büro zu arbeiten. Das heißt die Uhr ermöglicht neben der Aussage über das Wann, auch eine Aussage über das Wie-Lange, der Dauer der Ereignisse, zu machen.

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Durch die Zeitangabe der Uhr kann man ein Früher und Später markieren und dazwischen die verschiedenen Zeitabstände, die Intervalle, bestimmen. Dadurch ist die Uhr in erster Linie ein Planungsinstrument. Die Uhr macht Zeit sichtbar, durch sie lässt sich der natürliche Tages- und Nachtrhythmus bändigen und in kleine Zeitparzellen aufteilen. Die Uhr verdinglicht Zeit. Die Uhr macht aus der Zeit einen Gegenstand. Sie macht sie zu etwas Greifbarem. Die Begriffe „Stunde“ oder „Minute“ schnüren die Zeit in Pakete zusammen, die sich verwalten lassen. Diese Einteilung hat den Vorteil, dass die Menschen dem Tag eine Aufbau bzw. eine Struktur geben können. Sie können den verschiedenen Aufgaben des Tages eine ganz bestimmte Zeit zuweisen. Frühstück um 8Uhr. Arbeitsanfang um 9Uhr. Erstes Meeting um 10Uhr. Mittagessen um 12Uhr. Zweites Meeting um 13Uhr und so weiter bis die Kinder um 20Uhr ins Bett gebracht werden.

Die Uhr macht Zeit sichtbar.

Die Uhr verdinglicht Zeit.

Sie ist in erster Linie ein Planungsinstrument.

Durch die Statistiken der Lebenszeitmessung können sogar nicht nur Tages-, sondern auch Lebenspläne entworfen werden: Studium, Familiengründung, Karriere, Hauserwerb. Ich gestalte mein Leben anders, wenn ich weiß, dass die Menschen in meinem Kulturkreis durchschnittlich 80 Jahre oder 30 Jahre alt werden. Diese exakte Einteilung ermöglicht es den Menschen theoretisch den Tag und das Leben bestmöglich nach ihren Vorstellungen und Bedarfen einzurichten. Die Uhr und allgemein die Instrumente der Zeiterfassung sind daher nicht nur Planungs-, sondern auch ein Optimierungshilfen. Welche enorme Wirkkraft diese Erfindung auf die Gesellschaft bis heute ausübt, darf dabei nicht unterschätzt werden. Nach Lewis Mumford zum Beispiel ist nicht die Dampfmaschine oder die Buchhaltung, sondern die Uhr der Schlüsselmechanismus der Modernen.

Die getaktete Fließbandherstellung Anfang des 20. Jahrhunderts, die effiziente Arbeitseinteilung und -organisation, aber auch die Rationalisierung von Verwaltung und Bürokratie wären ohne das exakte Uhrwerk nicht möglich gewesen. Die Uhr und die mit ihr verknüpfte zukunftsorientierte Zeitvorstellung haben den Fortschritts- und Wachstumsgedanken in die Gesellschaft hineingetragen und den sogenannten Industrienationen einen enormen Wohlstand ermöglicht. Die Erfindung der Uhr hat dafür gesorgt, dass sich die Bedeutung von Zeit tief in die bewusste und unbewusste Lebensführung eingegraben hat – als Zeitsensibilität und Zeitdisziplin.

Kurze Geschichte der Zeit

Die Verfeinerung der Zeiterfassung beeinflusst und beschäftigt die Gesellschaft seit vielen Jahren. Die erste Zeitrechnung begann mit der Einführung des synodischen Monats durch die Araber. Dieser war nicht wie heute an dem Sonnenumlauf, sondern am Mond ausgerichtet. Er umfasste die Zeitspanne zwischen zwei Neu- oder Vollmondnächten. Ein synodischer Monat betrug 29,530589 Tage. Damit konnte allerdings nicht der Jahreszyklus erfasst werden, dessen Rhythmus vom Mondrhythmus abweicht. Erst viele Jahrhunderte später führte der römische Feldherr Julius Cesar den Sonnenmonat und das 365-Tage-Jahr ein. Ermöglicht wurde das durch die Entdeckung des Sterns Sirius. Dessen Erscheinen und Verschwinden am Nachthimmel wiederholt sich jährlich bei einer bestimmten Sonnen-Erde-Konstellation. Doch auch diese Einteilung war nicht exakt. Für das Zeitgleichgewicht wurde ein Schaltjahr eingeführt, um die Ungenauigkeit alle vier Jahre auszugleichen.

Die Sonnenuhren waren nicht verlässlich. Im Sommer konnte eine Stunde doppelt so lang wie im Winter sein.

Die ersten Uhren waren Sonnenuhren. Der wandernde Schatten, der durch das Auftreffen des Sonnenlichts auf einem Stab erzeugt wurde, zeigte den Sonnenstand an und damit die jeweilige Stunde. Sonnenuhren waren allerdings alles andere als verlässlich und hilfreich. Die Stunden, die die Sonnenuhr anzeigte, waren wegen den verschiedenen Tages- und Nachtlängen je nach Jahreszeit unterschiedlich lang. Im Sommer konnte eine Stunde doppelt so lange sein wie im Winter. Erst durch die Erfindung der gleichmäßigen Räderuhr im 13. Jahrhundert und der Einführung der sogenannten Äquintorialstunde (die 60 minütige Stunde, die uns heute noch begleitet) kam es zum Gleichschritt der Stunden.

An den öffentlichen Plätzen wie Rathäusern und Kirchen tauchten zu dieser Zeit vermehrt die allgegenwärtigen Räder-werke auf. Zunächst unter massiven Protest der Bevölkerung. Doch bereits die nächsten Generationen hatten sich an das regelmäßige Glockenläuten gewöhnt und die stündlichen Kirchenklänge als einen natürlichen Erinnerungsruf an das Zeitvergehen empfunden. Vom Kirchenplatz zur sprichwörtlichen Westentasche gelang der Zeitsprung 1511 als der Nürnberger Peter Henlein die Taschenuhr erfand. Zunächst als privilegiertes Schmuckwerk. Doch spätestens seit der Industrialisierung und der Massenfabrikationen erschwinglicher Armbanduhren rückte die technische Zeit immer näher an den Menschen heran. Bis sie nicht nur auf der Haut zu spüren, sondern auch im Geiste fest verankert war. Wer ab 1971 einen Physiker danach fragte, wie lange eine Sekunde dauert, dem wurde die Atomuhr gezeigt: „Eine Sekunde sind 9 192 631 770 Schwingungen entsprechend einem Hyperfeinstrukturübergang des Cäsiums-133-Atoms.“ Heutzutage sorgen unzählige Tracker und Zeitapps auf dem Smartphone dafür, dass die Menschen ihre Zeitgestaltung und –nutzung in Echtzeit aufzeichnen und verwalten.

Die astronomisch fundierte und technisch hochentwickelte Uhr- oder Weltzeit mit ihrer exakten Einteilung der Zeit dient uns zur Orientierung im Leben, zum geregelten Umgang mit unseren Mitmenschen und zur termingerechten Erfüllung von Aufgaben wie zur Abwicklung von Geschäften. Wenn wir uns in diesem Zeitgefüge allerdings selbst betrachten, so entdecken wir in uns ganz andersartige Zeitordnungen als den gleichförmigen, monotonen Takt des Pendels oder der Schwingungen des Cäsium-Atoms. Wir entdecken in uns Erlebnisse der Zeitdehnung und Zeitverkürzung, die bis zum Zeitstillstand oder der Aufhebung der Zeit führen können. Wir entdecken in uns auch einen ganz eigendynamischen Rhythmus, ein inneres Uhrwerk, das mit der Weltzeit bzw. der Gesellschaftszeit oft nicht im Einklang schwingt. Dieser Rhythmus bzw. diese innere Uhr wird auch Eigenzeit genannt.

Der innere Takt

Der Mensch im Speziellen und das Lebendige im Allgemeinen zeichnen sich durch eine charakteristische Eigenfrequenz aus. Jedes Lebewesen, so schreibt es Ilya Prigogine, lebt nach einer Eigenzeit, das bedeutet, es folgt einem eigenen Rhythmus, den es in sich erzeugt. Nicht die Uhr, nicht die Gesellschaft, sondern jedes einzelne Geschöpf ist Schöpfer der Zeit. Dem Hans schlägt eine andere Zeit in der Brust als dem Lieschen, dem Bienchen klopft der Lebenstakt anders als dem Pferd.

Die Grundlage dieser Eigenzeit beruht in erster Linie auf verschiedenen Kreisläufen und Rhythmen, die sich im Organismus abspielen. Allein im Körper des Menschen sind mehr als 150 Rhythmen bekannt: Der Pulsschlag, die Atmung, der Blutdruck, die Regulierung der Körpertemperatur oder auch die Verdauung sind alles körpereigene Abläufe mit eigenen Dynamiken und Geschwindigkeiten. Für die Synchronisation dieser inneren, biologischen Rhythmen mit dem Tagesrhythmus gibt einen inneren Zeitzähler, den sogenannten Nucleus suprachiasmaticus. Dieser richtet sich am Schlaf-Wach-Rhythmus aus und wird wesentlich vom Tages- bzw. Sonnenlicht beeinflusst. Dieser körpereigene Mechanismus wird auch als circadiane Uhr („ungefähre Tagesuhr“) bezeichnet. Diesen körperinneren Ablauf kann man vielleicht mit einem Orchester vergleichen. Der Dirigent – der Nucleus suprachiasmaticus – sorgt dafür, dass die Violinen, die Bratchen, die Posaune, das Horn und der Kontrabass während der Aufführung im selben Takt spielen und dadurch das Orchester harmonisch klingt. Für die direkte Zeitwahrnehmung, die Erfahrung von Dauer und die Wahrnehmung von Rhythmus ist diese Synchronisation zwischen dem Körper und dem Tageslicht essentiell.

Der große Hauptrhythmus jeden Organismus, also der Wechsel von Aktivität und Passivität, Schlafen und Wachen, ist allerdings kein unveränderbarer Takt. Er unterliegt Schwankungen, ist flexibel und muss tagtäglich nachgestellt werden. Zum Beispiel weil wir diese Nacht länger geschlafen haben als die Nacht davor. Einfluss haben auch die unterschiedlichen Tageslängen zwischen Winter und Sommer und die Dauer der Lichteinwirkung. Das Nachsteuern an den Tagesrhythmus ist für den Organismus im Normalfall kein Problem und das Zusammenspiel der inneren Synchronisation mit der äußeren Welt funktioniert reibungslos. Dann spielt sich eine gelungene Zeitbeziehung zwischen Umwelt und dem Organismus ein.

Rumänien - Sibius - Südkarpaten - Brasov

Nicht die Uhr, nicht die Gesellschaft,

sondern jedes einzelne Lebewesen ist Schöpfer der Zeit.

In der modernen Arbeits- und Wachstumsgesellschaft misslingt jedoch dieser Synchronisationsprozess aus verschiedenen Gründen immer häufiger. Durch das Einwandern der abstrakten Uhrzeit in den Organismus entstehen Störungen des natürlichen, biologischen Rhythmus. Und je öfter die innere Uhr mit der äußeren Uhr im Konflikt steht, desto stärker ist der Mensch in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt, bis hin, dass er krank, lethargisch, unausgeglichen wird. Dann ist er auch in seiner Wahrnehmung der sozialen und natürlichen Umwelt störanfällig.

Dieses Phänomen lässt sich am einfachsten anhand der „Lerchen“ und „Eulen“ verdeutlichen. Lerchen sind Menschen, die dazu neigen, den Tag früh zu beginnen und früh zu beenden. Eulen hingegen neigen dazu, den Tag später zu beginnen und zu beenden. Daraus folgt, dass die biologischen Abläufe der unterschiedlichen Chronotypen (Lerche/Eule) an unterschiedlichen Tageszeiten stattfinden. Dadurch sind auch die Aufmerksamkeits-, Leistungs- und kreativen Höhepunkte an unterschiedlichen Tageszeiten. Wenn der Wecker um 6Uhr klingelt, befinden sich die Lerchenkörper in einem anderen Zustand als die Eulenkörper.

Für Eulen ist es zum Beispiel in der Schulzeit eine Qual, bereits früh am Morgen Informationen zu verarbeiten. Weil der Körper einfach noch nicht „wach“ ist. Bestimmte Kreisläufe sind noch nicht im Schwung oder Hormone, wie das Melatonin, das den Menschen müde macht und in Ruhelage bringt, sind noch nicht ganz abgebaut. Überhaupt haben Eulen in einem Arbeitsumfeld, das bereits um 6Uhr oder 7Uhr startet, einen schweren Stand und stehen ihr Leben lang morgens qualvoll auf. Das hat nachhaltig Auswirkungen auf die Gesundheit. Sprichwörter wie „Morgenstund´ hat Gold im Mund“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ tragen zusätzlich zur Vorstellung bei, dass eine gute Arbeitsmoral oder Erfolg und Leistung eng an den Chronotyp Lerche gebunden ist. Das der späte Vogel dafür aber auch den späten Wurm fängt, ist eine Einsicht, die in vielen Gesellschaftsteilen noch fehlt.

Die mechanische Zeit überlagert den biologischen Rhythmus des Menschen mit einem unnatürlichen Takt. Dadurch wird der Körper selbst mechanisch und abrufbar.

Die Einführung des künstlichen Lichts, um in den Büros und Fabrikhallen die Produktivität zu steigern oder um den Abend im vertrauten Heim noch etwas zu verlängern, und auch – etwas unscheinbarer – die Zentralheizung haben dafür gesorgt, dass die zwei wichtigsten, natürlichen äußeren Zeitgeber des Menschen, Licht und Temperatur, nahezu ausgelöscht wurden. Dadurch hat sich nicht nur die innere Uhr mehr und mehr der abstrakten Uhr angepasst, sondern auch die äußerlichen Bedingungen haben sich in der Moderne zu einer für den Organismus künstlichen Umwelt entwickelt. Der moderne Mensch hat – zugespitzt – gar keine richtige Beziehung mehr zu seiner Eigenzeit. Primäre, individuelle und grundlegende Zeitbedürfnisse – Zeit zum Verdauen, Zeit zum Atmen, Zeit zum Schlafen, Zeit zum Wachwerden, Zeit zum Bewegen, Zeit zum Ruhen – werden von sekundären, gesellschaftlichen Zeitanfordernissen überdeckt. Besonders im Arbeitsalltag wird dies bemerkbar, wenn von den Beschäftigten zu ganz bestimmten Zeiten die Hochleistung abgerufen wird.

Die natürlichen Zeitgeber des Menschen – Licht, Temperatur und der biologische Rhythmus – sind im Zuge des Zivilisationsprozesses und der Industrialisierung zu steuerbaren und (scheinbar) immer verfügbaren Ressourcen geworden.

Absurde Züge nimmt dieses Phänomen zum Beispiel beim Thema Schlafen an. Anstatt ausreichend zu schlafen und den inneren Prozessen ihren Raum und ihre Zeit zu lassen, sich zu erneuern und Erlebtes zu verarbeiten (nachhaltig zu schlafen), ist es Mode und Ruhmreich sich mit wenig Schlaf durch die Tage, Wochen, Monate und Jahre zu bringen. Wenig Schlaf hat den Anschein von Leistung, Effizienz, Fleiß und Selbstbestimmung. Aus der Perspektive der Eigenzeit hingegen hat der langfristige Schlafentzug einen gegenteiligen Effekt. Dieser kann sich irgendwann in Gefühle der Antriebslosigkeit, Erschlaffung, des Ausgebranntseins und der absoluten Erschöpfung ausdrücken. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das seinen Schlaf mit Absicht verkürzt. Ohne mit einem Wecker in den Tag zu starten ist für viele Menschen fast nicht mehr vorstellbar.

Die abstrakte Uhr, das künstliche Licht und die künstliche Wärme bilden für den Menschen einen unnatürlichen Kokon, in dem er durch die Erziehung und den vermeidlichen Erwartungen der Gesellschaft aufwächst und groß wird. Die mechanische Zeit überzieht den Menschen wie eine zweite Haut, verformt ihn und beeinflusst ihn in seiner Wahrnehmung, in seinem Fühlen, Denken und Handeln. Der körpereigene Rhythmus wird gleich der Uhr zum mechanischen, gleichgetakteten Räderwerk. Dadurch erhält der Körper selbst etwas Mechanisches und wird abrufbar, verfügbar. Die körpereignen und eigenständigen und daher eigentlich unverfügbaren Zeiten und Bedürfnisse werden beschnitten, wenn nicht sogar zugeschnitten. Von klein auf gewöhnen wir uns daran der tickende Uhr mit ihrem technischen Takt zu folgen – trotz häufigem Widerstand unseres biologischen Rythmus.

Die Zeit im Kopf

Wie der Zeitrhythmus im Körper erzeugt und mit dem Umweltrhythmus abgestimmt wird, so ist auch unsere Zeitwahrnehmung vom Gleichschritt der Uhr getrennt. Während eine Stunde mechanisch betrachtet immer gleich dauert, verändert sich unsere Wahrnehmung von dieser Stunde erheblich. In einer ereignislosen Zeit, wenn wir zum Beispiel im Wartezimmer einer Fachärztin verweilen, vergeht die Zeit für uns langsamer als wenn wir zum Beispiel mit Freunden Fußball spielen oder frisch verliebt mit der neuen Freundin spazieren gehen. Zeit kann kriechen, sich schleppend hinziehen oder gar nicht vergehen, sie kann aber auch rasen und rennen und zu schnell voranschreiten. Das alles hängt davon ab, in welcher Verfassung wir sind, wie sehr wir uns auf den Moment einlassen können oder ihm gedanklich bereits entschwunden sind, ob der Ort und die Umwelt eine Bedeutung für uns haben, aber auch, ob uns das erlebte Ereignis anspricht oder unberührt lässt.

Wie wir den Augenblick wahrnehmen hängt von unserer Verfassung ab. Sind wir dem Augenblick bereits gedanklich entschwunden? Spricht uns das Erlebte an oder lässt es uns ganz unberührt?

Doch nicht nur die Gegenwart ist für das Zeitempfinden ausschlaggebend, sondern auch Zeitabschnitte, an die wir zurückdenken. Angenommen wir liegen unbeweglich im Krankenhaus oder unser Arbeitsalltag ist eintönig, so empfinden wir, dass die einzelnen Tage unglaublich zäh und langsam vorübergehen. Stetig schwebt die Langeweile im Raum und der Gedanke fesselt uns, der Lage entfliehen zu wollen. Wie schön scheint draußen die Sonne! Doch betrachten wir diese ereignislose Zeit nach einer Woche rückblickend, währt diese Zeit kaum ein Fingerschnippen lang. Verging der einzelne Tag in unserem Bewusstsein langsam, zischt in der Rückschau die ganze Woche wie im Fluge an uns vorbei. Die Ereignislosigkeit hat die Zeitwahrnehmung verdichtet. Anders sieht es nach einer ereignisreichen Woche aus. Der einzelne Tag war bereits vorbei, nachdem er angefangen hatte. Eine pure und ununterbrochene Ereigniskette von morgens bis abends. Tage gefühlt wie Wimpernschläge. Doch blicken wir die Woche zurück und bemerken die Fülle von Erlebnissen und Ereignissen, dehnt sich die Woche plötzlich in unseren Erinnerungen aus. Die Zeit erhält nachträglich im Bewusstsein ihren Raum. Dies ist auch ein Grund, warum vor allem ältere Menschen oft darüber klagen, dass ihnen die Zeit in den Fingern zerrinnt. Der Alltag bringt wenig neues oder unerwartetes zum Vorschein, die empfundenen Erlebnisse dünnen aus, die Erlebniskompetenz aufgrund körperlicher und geistiger Einschränkungen nimmt ab. Es passiert nichts mehr. Die Welt dünnt aus. Anders ist die Kindheit, in dem uns jeder Augenblick eine neue, ganz erstaunliche Welt eröffnet.

Doch unabhängig davon, ob unsere biologische Uhr mit der abstrakten Uhr synchron schwingt, und unabhängig davon, in welcher Gemütsverfassung wir gerade schweben, ist unsere Wahrnehmung eines Augenblicks auch an die Verarbeitung im Gehirn verknüpft. Die Haut, die Augen, die Ohren und alle Körpersinne werden innerhalb einer Sekunde von tausenden Reizen überflutet, die über die Sinnesorgane erst noch den langen Weg ins Gehirn finden müssen. Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, Klänge, die Sonne auf der Haut, der Wind im Haar oder die Schuhe an den Füßen. Nicht jeder zuströmende Reiz hat jedoch die gleiche Bedeutung und es würde den Menschen unmöglich werden, sein Leben zu führen, wenn in ihm jeder Reiz etwas auslösen würde und er darauf reagieren müsste. Viele Signale sind für den Menschen daher nur als Rauschen vorhanden. Er nimmt sie nur unterschwellig war. Ein neuronaler Filter teilt diese Reize in wichtig und unwichtig ein.

Wir nehmen Reize aus der Umwelt nicht nur gefiltert auf, sondern schnüren und bündeln die Sinneseindrücke zu Augenblickspaketen zusammen.

Wenn wir an der Ampel stehen ist unser Fokus auf das rote Licht gerichtet. Die vielen Geräusche am Gehweg, die Farbe des Himmels oder Menschen, die gerade an einem gegenüberliegenden Gebäudefenster eine Zigarette rauchen, blenden wir aus. Dieses Phänomen lässt sich mit der Tiefenschärfe bei der Fotografie vergleichen. Während die Ampel scharf gestellt ist, sind alle Hintergrunderscheinungen verschwommen, blass und fast unkenntlich. Erstaunlicher wird es, wenn das selektive Wahrnehmen mit anderen Menschen verglichen wird: Während der eine Mensch während des Wartens einen Amselflug am Himmel beobachtet, nimmt der nächste Fußgänger ein Gespräch, ein vorbeifahrendes Auto oder den Kaugummigeschmack wahr. Auch wenn die Menschen denselben Moment teilen, kann sich die wahrgenommene Wirklichkeit erheblich unterscheiden. Was die wenigsten Menschen allerdings wissen: Wir nehmen Reize nicht nur selektiv bzw. gefiltert auf, sondern auch gebündelt, zusammengeschnürt. Diese Bündelung von Reizen und Signalen bildet für uns das, was wir Augenblick nennen. Dadurch entsteht das kurzzeitige Verweilen in der Gegenwart.

Doch wie lange währt dieser Augenblick? Wann wird aus dem Gegenwärtigen etwas Vergangenes? Für die Neuropsychologen dauert die Gegenwart eine bis drei Sekunden. In dieser Zeitspanne sammelt der Körper die Informationen aus der Umwelt auf und schnürt sie zu Augenblickspakete zusammen und reiht sie aneinander. Der Friteusengeruch in der Luft, das Schmatzen der anderen Kunden, das Weiß der Mayonnaise, der Salz- und Fettgeschmack im Gaumen werden zum Augenblick der Frittenbude zusammengeschnürt, und mal in zwei, mal in drei Sekundentakte als Gegenwartsmomente wahrgenommen. Doch auch dieses Zusammmenziehen von Wirklichkeit wird nicht von allen Menschen geteilt. Die 3-Sekunden-Gegenwart startet und endet bei jedem Menschen unterschiedlich. Aus dieser Perspektive ist die Gegenwart kein allgemeiner Platz, an dem alle Menschen gleichzeitig teilhaben. Sie wird in unserem Kopf durch unser neuronales Netzwerk erzeugt und ihre Dauer und ihr Inhalt ist individuell.

Diese 3-Sekunden-Gegenwart wird auch als „Insel der Gegenwart“ bezeichnet. Entdeckt hat dieses Phänomen der Neurologe Ernst Pöppel. Anders als die Millisekunden, die die Reize brauchen, um durch die Nervenbahnen bis ins Gehirn zu gelangen und dort verarbeitet zu werden, ist diese 3-Sekunden-Gegenwart im Alltag sichtbar. Musikalische Motive, gedichtete Verse, Sinnsprüche oder soziale Wechselbeziehungen, wie das Händeschütteln oder das wütende Fauststampfen dauern kulturunabhängig fast immer rund drei Sekunden. An diese Zeitspanne ist auch unsere Aufmerksamkeit gebunden. Nach drei Sekunden ist ein Wahrnehmungsblock vorbei und ein neuer beginnt. Ein Augenblick ist daher kein bloßer Jetzt-Zeitpunkt. Er hat immer eine gewisse Dauer, die unterschiedlich lang sein kann. Das Gehirn, so kann man schlussfolgern, ist daher nicht auf Präzision ausgerichtet, sondern integriert die verschiedenen Sinneseindrücke zu einem abstrakten Gesamtmoment. Das, was wir als Augenblick wahrnehmen, gehört zur erlebten Zeit.

Schweden - Malmoe-Stockholm-Abisko

Dadurch unterscheidet sich die innere Zeitwahrnehmung fundamental von der mechanischen Uhrzeit. Die mechanische Uhrzeit ist präzise und deren Takt hämmert für alle auf gleiche Weise. Darüber hinaus ist sie inhaltslos. Sie braucht keine Erlebnisse oder Ereignisse. Wenn wir uns diesen Unterschied bewusst machen, wirkt dann unsere mechanische Uhr nicht wie ein Seziermesser, das unsere Zeitwahrnehmung in seiner Reinheit künstlich beschneidet und unseren erlebten Augenblicken ihren lebendigen Puls entzieht?

Doch die mechanische Uhr ist nicht die einzige Entfremdung, die unsere Zeitwahrnehmung einschränkt und umhüllt. Weitaus bedrückender ist die wahrgenommene Gesellschaftszeit.

Die mechanische Uhr arbeitet wir ein kaltes Seziermesser in unserem Kopf:

Es beschneidet unsere natürliche Zeitwahrnehmung und entzieht den erlebten Augenblicken ihren lebendigen Impuls – den Impuls in Form einer Dauer.